Die Geschichte Otterstadts

1891

Die Kirchengeschichte Otterstadts vom 19. bis ins 21. Jahrhundert

1852 stifteten die Eheleute Wilhelm und Barbara Ackermann die Flurkapelle in der Kapellenstraße/Ecke Lindenstraße als Ersatz für eine 1752 erbaute und während der französischen Besatzung zerstörte Kapelle an gleicher Stelle. 1863 wurde die neu erbaute Flurkapelle an die Pfarrgemeinde abgetreten.

Quelle: Landesarchiv Speyer, Best. H 45 Nr. 1071 Prod. 12 a
Situationsplan eines Teils der Gemeinde Otterstadt, mit Einzeichnung der Standorte der alten (schwarz) und der geplanten neuen (rot) Kirche, angefertigt vom Architekten Franz Schöberl, Speyer 30. Dez. 1886

Schon bei der 100-Jahrfeier 1850 erwies sich die „Alte Kirche“, ein kleindimensionierter, schlichter Saalbau im spätbarocken Stil, als zu klein für die rasch wachsende Pfarrgemeinde – von damals 1466 Einwohnern waren 1352 Katholiken, davon etwa 750 gottesdienstpflichtig –, so dass der Gemeinderat schließlich am 26. Dezember 1886 den Bau einer neuen Kirche beschloss.

Am 29. September 1889 erfolgte die Grundsteinlegung für einen Neubau direkt am 1850 angelegten Königsplatz, dem neuen Ortsmittelpunkt. Drei Anwesen wurden hierfür abgerissen. In den folgenden beiden Jahren wurde die katholische Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt nach Plänen des renommierten Architekten Franz Schöberl aus Speyer im zeittypischen Stil der Neogotik errichtet und am 8. September 1891 durch den Speyerer Bischof Josef Georg von Ehrler auf „Mariä Himmelfahrt“ als Hauptpatronat und die Heiligen Remigius und Sebastian als Nebenpatrone geweiht. Die Baukosten der mit ihrem 50 Meter hohen Turm bis heute ortsbildprägenden Kirche beliefen sich auf 133.600,- RM, wozu die politische Gemeinde 83.912,- RM beitrug.

Foto: Uwe Stanzl
Ansicht der Kirche St. Mariä Himmelfahrt von Nordwesten.

Die Kirche ist ein nach Westen gerichteter Blankziegelbau, wobei die Innenausstattung und die Glasfenster von Otterstadter Bürgern gestiftet und zum Teil aus dem Verkauf der Einrichtung der alten Kirche (Bänke, Kanzel, Beichtstühle) finanziert wurden. Der besondere Wert und die Schönheit der Kirche liegen darin, dass ihre neugotische Originalausstattung nahezu vollständig erhalten ist; dazu gehört auch ein bedeutender Bestand an Paramenten. Hochaltar, Kanzel und die beiden Nebenaltäre wurden von dem Speyerer Bildhauer Gottfried Renn (1818-1890), von dem auch die Bauzier am Westwerk des Speyerer Doms und Figuren am Ölberg stammen, geschaffen, das Portal von Heinrich Scherpff aus Speyer geschnitzt. Den 1985 geweihten Zelebrationsaltar fertigte der Speyerer Künstler Günther Zeuner (1923-2011).

Quelle: Otterstadt – anno dazumal, 1981, S. 118
Ankunft der neuen Stahlglocken vor der Kirche in Otterstadt, 5. Jan. 1924

Anstelle der 1833 gegossenen und 1892 von der „Alten Kirche“ umgehängten, 1917 im Ersten Weltkrieg zu Kriegszwecken abgelieferten Glocken erhielt die Kirche in der Zwischenkriegszeit das heutige Geläut aus drei Stahlglocken (gegossen im „Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation“), das am 5. Januar 1924 angeliefert und am 9. Januar geweiht wurde.

Die jetzige Orgel wurde 1929/30 von der Fa. Orgelbau Gebr. Späth aus (Mengen-)Ennetach erbaut. Sie verfügt über 24 Register auf zwei Manualen und Pedal und ersetzte das 1856 durch den Orgelbauer Gustav Schlimbach, Speyer, hergestellte Instrument.

1996 wurden drei kirchliche Gebäude in Otterstadt, neben der katholischen Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt die Marienkapelle am Friedhof und die Kapelle in der Kapellenstraße/Ecke Lindenstraße, offiziell unter Denkmalschutz gestellt.

Die letzte umfassende Kirchenrenovierung wurde in den Jahren 2005-2011 vorgenommen; hierbei wurde nach zeitweise kontroverser Diskussion in der Gemeinde auch die nach dem Zweiten Weltkrieg übertünchte ursprüngliche Ornamentmalerei größtenteils wiederhergestellt.

2006 wurde eine Lourdesgrotte im Kirchengarten geschaffen, und seit 2009 wird dieser zusätzlich durch einen im Rahmen der 72-Stunden-Aktion des BDKJ von Jugendlichen aus der Gemeinde angelegten Bibelgarten bereichert.

130 Jahre nach Fertigstellung gründete sich auf Initiative von Gläubigen der überkonfessionelle „Förderverein katholische Kirche Mariä Himmelfahrt Otterstadt e. V.“ Vereinsziele sind die Bewahrung des Kulturdenkmals für kommende Generationen sowie die Finanzierung von Maßnahmen zur Restaurierung und Konservierung des Kircheninventars.

Quelle: Otterstadt – anno dazumal, 1981, S. 9
Die „Alte Kirche“ in Otterstadt (heute Remigiushaus) im Jahr 1872. Zeichnung aus dem Pfarrgedenkbuch der katholischen Pfarrei Otterstadt (Depositum im Archiv des Bistums Speyer)

Die „Alte Kirche“ wurde glücklicherweise nicht abgerissen, sondern 1892 profaniert, von der politischen Gemeinde erworben und von dieser 1920 an die Raiffeisengenossenschaft verkauft, die sie als Lagerraum nutzte. 1977 wurde das unter Denkmalschutz stehende Gebäude für 150.000,- DM von der Gemeinde zurückerworben und in den folgenden Jahren aufwendig restauriert. Seit seiner Einweihung am 13. Januar 1984 dient es unter dem Namen „Remigiushaus“ als Dorfgemeinschaftshaus.

Der christliche Gemeindefriedhof wurde 1824 von seinem bisherigen Standort gegenüber dem ehem. „Kirchlein am See“ am heutigen Zimmerplatz auf das höher gelegene heutige Gelände (nordwestlicher Ortsrand) verlegt. 1870 wurde eine Leichen- und Gerätehalle erbaut. Erweiterungen, jeweils in südlicher Richtung, erfolgten in den Jahren 1869, 1872 und 1964.

Bildquelle: Horst Kuhn, Heimat Otterstadt – ganz nah, 2019, S. 127
Schwestern in Otterstadt 1952 (v. l. n. r.: Schwester Agreda, Schwester Olivia, Schwester Chrysologa, Schwester Melania, Schwester Vinzentina)

Von 1854-1867 und von 1918-2002 wirkten Nonnen des 1852 in Speyer gegründeten „Instituts der Armen Schulschwestern“, seit 1972 Dominikanerinnen des „Instituts St. Dominikus“ in Speyer, in Otterstadt; sie wohnten im „Schul- und Schwesternhaus“ am Königsplatz und waren als Schulschwestern, Kindergärtnerinnen, in der Krankenpflege und in der Kirche tätig. Als letzte Nonne wirkte die beliebte „Kinderschulschwester“ Vinzentina Ruffing in der Gemeinde.

1934 verkaufte die Gemeinde das 1827/28 errichtete Schul- und Gemeindehaus am Königsplatz für 6.000,- RM an den Elisabethenverein, dem es auch heute noch gehört. Das Gebäude diente lange als Schwesternhaus und beherbergt heute den katholischen Kindergarten (Kita) „Casa Vincentina“, das Pfarrheim und die 1928 als Pfarrbücherei gegründete Katholische Öffentliche Bücherei, die seit 2005 den Namen „Remigiusbücherei“ trägt, mit der Gemeinde Otterstadt kooperiert und durch sie finanziell unterstützt wird.

Im Rahmen des Prozesses „Gemeindepastoral 2015“ des Bistums Speyer wurde die katholische Kirchengemeinde Otterstadt mit Waldsee, Limburgerhof, Altrip und Neuhofen mit Wirkung vom 1. Januar 2016 zur neuen (Groß-)Pfarrei St. Christophorus mit Sitz in Waldsee zusammengeschlossen.

An Einrichtungen und kirchlichen Vereinen gestalten der Elisabethenverein, der 1890 gegründete katholische Kirchenchor St. Cäcilia, die seit 1982 bestehende Ortsgruppe der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), die Messdiener und die Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) das Gemeindeleben mit.

Foro: Uwe Stanzl
Protestantische Kirche (Gemeindezentrum) von Otterstadt, eingeweiht am 3. November 1968

Durch die Zugehörigkeit des Ortes zu katholischen Herrschaften, dem Hochstift Speyer bzw. dem St. Guido-Stift, war der Anteil der Protestanten in Otterstadt im Alten Reich und auch in der „französischen“ und bayerischen Zeit sehr gering geblieben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg stieg dieser durch den Zuzug erst von Flüchtlingen, dann von Bewohner/inne/n der Neubaugebiete an. Zunächst gehörte die Otterstadter Gemeinde zur Christus-Kirchengemeinde in Speyer-Nord, 1983 zusammen mit Waldsee zu Neuhofen. Seit 1996 bildet Otterstadt mit Waldsee eine eigenständige Kirchengemeinde.

 

Quelle Abbildungen: Prot. Kirchengemeinde Waldsee-Otterstadt.
Obere Abbildung: Neugestaltete Südseite des Kirchensaals nach dem ersten Umbau von 1980 mit Glasfenstern der Landauer Bildhauerin Margot Stempel-Lebert (1922-2009). Untere Abbildung: Blick in den Altarbereich nach dem Umbau von 2005 mit den Kirchenfenstern der Glaskünstlerin Susanne Precht (geb. 1960) aus Lauscha

Der Gottesdienst wurde zunächst behelfsmäßig in einem Schul- oder Sitzungssaal abgehalten.  Dies änderte sich mit der Errichtung des evangelischen Gemeindezentrums in der Autharistraße. Am 23. September 1967 wurde der Grundstein hierfür gelegt, am 3. November 1968 erfolgte die Einweihung. Mit Grundstück kostete die Maßnahme damals rund 300.000 Mark, die von der Gesamtkirchengemeinde Speyer aus eigenen und Mitteln der Landeskirche sowie verschiedenen Zuschüssen aufgebracht wurden. Das Gemeindezentrum verfügt über einen Kirchenraum mit 140 Sitzplätzen, drei Jugendräume, eine Werkstatt, Teeküche und eine Wohnung. 1987 erhielt es zwei Glocken mit dem höchsten Geläut der Pfalz. 1993 wurde ein Kindergarten („Arche Noah“) angebaut, und 2005 wurde das Gemeindezentrum durch eine Erweiterung und den Einbau von neuen Glasfenstern, angefertigt von der Künstlerin Susanne Precht aus Lauscha/Thüringen, an der Nordseite vergrößert und verschönert.

1972 wurde die Otterstadter Kirchengemeinde zur selbständigen Kirchengemeinde ernannt und im selben Jahr erstmals ein Presbyterium gewählt.