Die Geschichte Otterstadts
1896
Als durch das Hochwasser vom Januar 1820 die Dämme bei Otterstadt an zwei Stellen gebrochen waren, waren zur Reparatur außer den Erdarbeiten noch 5.000 Faschinen mit je zwei Stickeln, zusammen 10.000 Stickel und 500 Wippen erforderlich. Diese Stickel mussten 1,00 bis 1,30 Meter lang und gerade sein. Für die Flechtwerke übernahm der Schenkwirt Peter Hofmann von Otterstadt das Spitzen der 10.000 Stickel, wofür er mit 6 Kreuzern pro hundert Stück bezahlt wurde. Diese Tätigkeit hat wohl den Bewohnern von Otterstadt – und auch von Berghausen – den Uznamen „Stickelspitzer“ eingebracht.
Wesentlich populärer und weiter verbreitet ist aber die nachfolgende anekdotenhafte, 1896 entstandene Erzählung von der Entstehung des Namens, die an die Tatsache anknüpft, dass die am 11. Juni 1847 auf den Streckenabschnitten zwischen Neustadt und Ludwigshafen sowie Schifferstadt und Speyer eröffnete Pfälzische Ludwigsbahn (Gesamtstrecke von der Rheinschanze/Ludwighafen nach Bexbach) Otterstadt nicht berührte und die Gemeinde auch in der Folgezeit ohne Eisenbahnanschluss blieb. Demnach fielen die Otterstadter auf einen durchreisenden Betrüger herein, der ihnen eine größere Vorauszahlung für eine zu bauende Eisenbahnlinie aufschwätzte, um damit angeblich Otterstadt zu einem Bahnhof zu verhelfen. In froher Erwartung spitzten die Einwohner bereits Stickel (Holzpfähle), um damit die versprochene Bahnlinie im Gelände zu markieren. Bevor der Schwindel aufflog, türmte der Betrüger; die Otterstadter sahen das vorgestreckte Geld nie wieder, und die Gemeinde hat bis heute keinen Bahnhof.
Diese legendenhaft ausgeschmückte Erzählung hat, wie aus dem nebenstehend abgebildeten Artikel in der „Speierer Zeitung“ vom 26. Dezember 1896 hervorgeht, einen wahren Kern. Demnach war der Hergang der Dinge aber – vor allem am Ende – etwas anders: Dem Betrüger gelang nicht die Flucht, er wurde auf Anzeige der örtlichen Polizeibehörde durch zwei Gendarmen aus Speyer am Morgen des Ersten Weihnachtsfeiertages (!) verhaftet und in das dortige Amtsgerichtsgefängnis verbracht. Wie lange er dort einsitzen musste, geht aus dem Artikel nicht hervor. Auch in Haßloch hatte der falsche „Geometer“ sein Unwesen getrieben.
Die Stickelspitzergeschichte in ihrer volkstümlichen Version ist in dem 1986 von Georg Günther Zeuner geschaffenen Stickelspitzerbrunnen am Königsplatz künstlerisch umgesetzt worden. Besonders eindrucksvoll ist die Szene, wie sich der – vom Künstler mit einem Pferdefuß versehene – Betrüger mit einem prall gefüllten Geldbeutel aus dem Staub macht.
Die in Otterstadt lebende Autorin Ingrid Lupatsch hat auf der Grundlage der obigen Erzählung ein Mundartstück in drei Akten unter dem Titel „Die Stickelspitzerg’schicht – wie die Otterstadter zu ihrem Uzname kumme sin“ verfasst, das 2006 unter der Regie der Autorin mit großem Erfolg an fünf Abenden im Remigiushaus aufgeführt worden ist. Anlässlich der 1000-Jahrfeier von Otterstadt wurde das Stück im Sommer 2022 – nach zweimaliger coronabedingter Verschiebung – in einer Neuinszenierung mit 25 engagierten Darstellerinnen und Darstellern, die sechs historisch belegte und 19 erfundene Personen verkörperten, gezeigt und stieß erneut auf begeisterte Resonanz.